Bundesministerium für Finanzen auf dem Postblockareal, Berlin (DE)

Das Bundesministerium der Finanzen (BMF) ist derzeit in Berlin auf sieben Liegenschaften verteilt. Um organisatorische und fachliche Abläufe zu optimieren und modern ausgestattete Konferenzräume und flexibel nutzbare Büroräume zu schaffen, sollen die Funktionen in einem Neubau zusammengefasst werden. Zusätzlich sollen dort die Bundesfinanzakademie (BFA) mit Wohneinheiten für TeilnehmerInnen untergebracht werden sowie ein Konferenzzentrum und eine Großkantine.
Der Neubau steht direkt gegenüber dem Detlev-Rohwedder-Haus, dem Hauptsitz des Bundesministeriums für Finanzen, auf dem sogenannten Postblockareal. Der Bauplatz an der Kreuzung Wilhelmstraße-Leipziger Straße – dem Platz des Volksaufstandes von 1953 – liegt im Zentrum Berlins, umgeben von einer Vielzahl stadthistorisch und touristisch bedeutungsvoller Orte und Bauten sowie wichtiger nationaler und Berliner Institutionen.

Leitidee
Einen Neubau für das Bundesministerium für Finanzen an diesem Standort zu entwickeln, wirft sowohl typologisch als auch kontextuell eine Vielzahl an Fragen auf, allesamt spannend und mit höchster zeitgenössischer Relevanz. Wie wollen wir arbeiten? Das Ministerium wird Arbeitsplatz für hunderte von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sein. Wie wollen wir lernen? Neben dem Ministerium wird auch die Bundesfinanzakademie im Neubau untergebracht sein. Und vielleicht die entscheidendste Frage – wie wollen wir Demokratie leben? Wie will sich unsere demokratische Gesellschaft auch in Bezug auf die Vergangenheit positionieren?
Wie so oft gibt es keine einfachen Antworten, vielmehr eine architektonische Haltung: Transparenz, diametral zum Habitus des Detlev-Rohwedder-Haus, das durch Masse und Massivität beeindrucken sollte. Holz, als Material der Zukunft, das in einem materialgerechten Entwurf seine ganze Stärke in Präzision und Vorfertigungsgrad entfalten kann. Der menschliche Maßstab, Integration, aber auch Angemessenheit, in Ausdruck, Repräsentanz und Wirtschaftlichkeit.

Urbaner Kontext
Unsere Gebäudestruktur nimmt die Anordnung der hintereinander angelegten Höfe des Postblocks auf und dient gleichzeitig als Gelenk zwischen Detlev-Rohwedder-Haus und Postblock. Im Gegensatz zur Blockrandbebauung entlang der Leipziger Straße und Wilhelmsstraße reagiert das Blockinnere auf die bestehende Bebauung und führt diese fort. Die südöstliche Gebäudekante weicht zurück, um den prägnanten Baum im Generalpostgarten zu erhalten. Zwei große Innenhöfe schaffen im Kontrast zum Berliner Stadtraum eine begrünte Binnenwelt mit höchster Aufenthaltsqualität.

Gebäudestruktur
Die Hofstruktur des Postblocks wird auch innen weitergedacht. Das Herzstück einer transparent arbeitenden Behörde bildet die zentrale Eingangshalle mit Besucher-, Konferenz- und Pressezentrum. Die südlich angeordnete Akademie und das Finanzministerium lassen sich als klar getrennte Volumen ablesen, bilden aber dennoch als zwei Adressen unter einem Dach eine Einheit und werden gemeinsamen über die Wilhelmstraße erschlossen.
Als Antwort auf die komplett geschlossene und abweisende Erdgeschosszone des Detlev-Rohwedder-Hauses erhält der Neubau eine großzügige Arkade entlang der Wilhelmstraße und der Leipziger Straße. Die Höfe werden an den öffentlichen Raum angebunden und interagieren mit der Stadtgesellschaft. Die Arkade, die verglaste Mensa und der Stützenfilter im Eingangsbereich der Bundesfinanzakademie geben Einblicke auf die Baumlandschaft der Innenhöfe frei. Neben dem Aspekt der Erholung, übernehmen die grünen Inseln auch wichtige Aufgaben im Klima-Haushalt einer zukunftsfähigen Stadt.
Zwei sonnige Dachgärten im 5. Obergeschoss bieten den Nutzern des Hauses reichlich Platz für Begegnung und Kommunikation, aber auch entschleunigte Ruhebereiche für ungestörtes Verweilen. Die obersten Dachflächen des Hauses werden zur Gänze extensiv begrünt und zu 40 bis 50 Prozent als Solargründach mit einer PV-Anlage bestückt.

Raumkonzept
Die klare Grundstruktur mit einer übersichtlichen internen Erschließung sorgt für eine eindeutige Orientierung im Gebäude. Der ständige Bezug zu Hallen- und Hofräumen trägt ebenfalls zur Übersichtlichkeit, aber auch zur Belichtung des Gebäudes bei. Geschlossene Rundläufe vermeiden tote Enden und halten die Wege innerhalb des Gebäudes kurz.
Besucher und Gäste des Finanzministeriums gelangen über die südliche Freitreppe zum Konferenz- und Pressebereich im ersten Obergeschoss. Mitten im Atrium liegt der große Konferenzsaal, über zwei große Fenster visuell mit der Eingangshalle und dem angrenzenden Innenhof des Postblocks verbunden.
Von den Büros aus ist die spektakuläre Innenhofgestaltung durch umlaufende französische Balkone vom Schreibtisch aus erleb- und begehbar. Sämtliche Abteilungen sind als flexibel nutzbare 600 m² Einheiten organisiert.
Der Eingang zur Akademie liegt ebenfalls im Süden. Über den gedeckten Durchgang zum südlichen Innenhof gelangt man in das Foyer, die anschließenden Gemeinschaftsbereiche und die Cafeteria. Hörsäle und Schulungsräume liegen im 1. und 2. Obergeschoss, Verwaltungsräume und Büros im 3., darüber sind die Wohneinheiten untergebracht.

Konstruktion
Das Tragwerk besteht aus einer hybriden Stahlbeton- und Holzbaukonstruktion. Die Untergeschosse, das Erd- und Teile des 1. Obergeschosses werden in Stahlbetonbauweise erstellt. Darüber wird ein Holzbau aus vorgefertigten Modulen errichtet. Die Rippendecken und Holzuntersichten der Decken bleiben sichtbar und verleihen dem Haus einen beinahe wohnlichen Charakter.

Auftraggeber: Bundesanstalt für Immobilienaufgaben
Standort: D-10117 Berlin, Wilhelmstraße
Architektur: Dietrich | Untertrifaller
Wettbewerb: 2021

Partner
Statik: Knippers Helbig, Berlin / Bauphysik: Transsolar Energietechnik, Stuttgart / Brandschutz: brandschutz plus, Berlin / Landschaft: Kieran Fraser, Wien /// Visualisierung: Dietrich | Untertrifaller