Festspielhaus, Bregenz (AT)

Das renommierte Festspielhaus am Bodensee wurde modernisiert, neu organisiert, stark erweitert und zu einem vielseitig nutzbaren Kultur-, Sozial- und Wirtschaftszentrum von internationalem Rang ausgebaut. Damit demonstrierten wir eindrucksvoll, wie sich ein unansehnliches Baukörperkonglomerat der späten siebziger Jahre in eine klar strukturierte und anmutige Architektur verwandeln kann. Umfangreiche und präzise Vorplanung und Vorfertigung waren erforderlich, um die komplexen Bauarbeiten, die in mehreren Etappen erfolgten, bei laufendem Betrieb umsetzen zu können.

 

Konzept

Die Transformation des eher verschlossen wirkenden Gebäudes von 1979 in eine vielgestaltige, einladende Anlage entspringt nicht formalistischer Spielerei, sondern durchdachter Entflechtung betrieblicher Problemknoten. Zwei auffällige, überdimensionale, über dem Gebäude schwebende Riegel gliedern den weitläufigen Komplex in drei Hauptabschnitte: Studio- und Werkstattbühnenbereich, Großer Saal sowie Seetribüne. Rund um die Skulptur von Gottfried Bechtold wurde auf der Vorderseite ein neuer, öffentlicher Platz mit Ausblick auf den See geschaffen.

Auftraggeber: Stadt Bregenz, Land Vorarlberg, Republik Österreich
Standort: A-6900 Bregenz, Symphoniker Platz 1
Architektur: Dietrich | Untertrifaller
Projektleitung: Susanne Gaudl, Heiner Walker, Albert Rüf
Wettbewerb: 1992
Bauzeit: 2005-2006
Fläche: 37.144 m²
Kapazität 7.000 Seebühne / 1.800 Großer Saal

Auszeichnungen: 2010 Apex-Award, Bauherrenpreis Vorarlberg, 2007 Int. Architecture Award, u.a.

Partner
Statik: Mader & Flatz Plankel, Bregenz / Haustechnik: Pfügl Roth, Bregenz / Elektrik: Hiebeler, Hörbranz + Rist & Co., Wolfurt / Elektro-Akustik: Tonplan, Dornbirn / Bühne: Kottke, Bayreuth / Akustik: Müller BBM, Planegg / Licht: Keller, St. Gallen / Holzbau: M + S Holzbau, Dornbirn / Landschaft: Vogt, Zürich // Fotos: © Bruno Klomfar

Urbaner Kontext

Direkt am Ufer der Bregenzer Bucht gelegen, dient das Festspielhaus heute als leistungsfähiges Mehrspartenhaus sowie als Veranstaltungs- und Kongresszentrum. Architektonisch von höchster Qualität, präzisiert das Bauwerk die Stelle am See und schafft mit seinen vier starkplastischen Ansichten einen unverwechselbaren Ort. Zugleich wertet es die Fläche an der Eingangsseite zu einem Platz mit urbanem Flair auf. Als signifikantes Zeichen mit Fernwirkung bietet das Gebäude eindrückliche Ausblicke auf die Bregenzer Hausberge und den See.

Die funktional logische Gliederung in Werkstattbühne, Großer Saal und Seetribüne bietet nach jeder Seite ein anderes, ansprechendes Bild: Markant und Interesse weckend die Ankunftsseite; einladend urban die Platz- und Eingangsseite; zum See nicht nur mit den Zuschauerrampen, sondern auch als Gebäude wirksam; zum benachbarten Park zurückhaltend und schlicht im Ausdruck.

Organisation & Raumprogramm

Wie eine Stadt im Kleinen konzipierten wir die Grundrisse des neuen Festspielhauses. In zwei Etappen entstand mit einer Collage unterschiedlicher Bauteile sowie neugeschaffener interner Erschließungsachsen ein skulptural anmutendes Gebäude. Prägendes Element sind die beiden langen durchgegesteckten Prismen.

Bauphasen
Ansichten
Das lange, hoch aufgestelzte, zweigeschossige Trägerbauwerk auf der Rückseite enthält Büros für Verwaltung und Produktion. Darunter wurden wichtige, großräumige Querverbindungen geschaffen. Von unten schiebt sich der gläserne Liftturm in das Raumprisma.
In der 2. Ausbauphase haben wir ein ähnlich dimensioniertes langes Prisma zwischen Seetribüne und Großem Saal durchgesteckt, das alle Aufführungsstätten erschließt. Es kragt auf der Vorderseite mit dem doppelgeschossigen Mehrzwecksaal "Propter Homines" weit über den Haupteingang hinaus.

Der „Propter Homines-Saal“ öffnet sich mit der verglasten Stirnseite auf den Platz und ist wie eine Edelholzschatulle vollständig mit kanadischem Ahorn verkleidet.

Im anderen Ende des Prismas bietet das raumhoch verglaste Seefoyer eine atemberaubende Aussicht auf den See und die Berge.

Dazwischen nimmt das mehrgliedrige, großzügige Hauptfoyer eine enorme Zahl von Besuchern auf. Edle Hölzer, zurückhaltende Farbgebung und sensible Lichtgestaltung schaffen eine festlich-elegante Stimmung.

Lichtdurchflutete Foyers

Wie eine Landungsbrücke senkt sich die breite Haupttreppe aus dem freigestellten Prisma zum Eingang. Dort sind die Ticketschalter und Garderoben untergebracht.
Hinter der verglasten Platzfassade sind im Obergeschoss Foyerflächen und zwei kleinere Säle angeordnet. Aus ihren strahlend weißen Innenräumen überblickt man den eindrucksvollen Platz.

Bühnen & Spielstätten

Historischer Ausgangspunkt für das Festspielhaus war die Seebühne, deren Ränge durch den Umbau auf 7000 Sitzplätze erweitert und mit einer überdachten Lounge ergänzt wurden. Zusätzlich verfügt die Seebühne nun über einen 1800 Zuschauer fassenden Theatersaal sowie ein Seestudio.

Großer Saal

Zwischen Trägerbauwerk und Foyerprisma erhebt sich der Bühnenturm, dahinter liegt der große Saal. Er ermöglicht das Wegziehen ganzer Kulissenteile, Vorhänge, Soffitten oder Prospekte nach oben in Richtung des Schnürbodens. Der Große Saal wurde technisch und akustisch bestmöglich ausgerüstet und mit einem Rang um 594 Sitzplätze erweitert. Wände und Boden in Akazienholz, die abgehängte Decke aus Edelstahlgewebe und die roten Polstersessel vermitteln den Besuchern Theateratmosphäre in zeitgerechter Formensprache.

Werkstattbühne

Der quaderförmige Baukörper der großräumigen Werkstattbühne befindet sich auf der Rückseite des Gebäudes. Flexibel ausbaubar, bietet sie überregional einen der größten unspezifisch konzipierten Räume für darstellende Kunst. Das Dachtragwerk weist einen eingehängten Schnürboden auf, unter dem eine fahrbare Z-Brücke für Beleuchtung und Hebezug jeden Punkt im Raum bedienen kann.

Historie

Die ersten Festspiele fanden 1946 als „Spiel auf dem See“ im Gondelhafen statt. Ab 1950 stand den Festspielen mit einer 6400 Personen fassenden Tribüne die größte Seebühne der Welt zur Verfügung. 1980 wurde das von Wilhelm Braun geplante Festspiel- und Kongresshaus mit 1765 Plätzen eröffnet. Es war direkt mit der Seebühne verbunden, damit bei Schlechtwetter die Vorführung ins Haus verlagert werden konnte. Das eher verschlossen wirkende Gebäude erwies sich bald als zu klein und wurde den funktionalen, technischen und ästhetischen Ansprüche des weltberühmten Kulturfestivals nicht gerecht. Deshalb wurde 1992 ein internationaler Architekturwettbewerb ausgeschrieben, den unser damals noch sehr junges und fast unbekanntes Büro gewann.

 
Das Siegerprojekt wurde in zwei Bauetappen realisiert: In der ersten Etappe wurden bis 1997 eine Werkstattbühne, Seefoyer und Seestudio sowie ein Verwaltungstrakt errichtet. In der zweiten Baustufe ab 2005 wurde dann das Festspielhaus saniert, erweitert und umgestaltet. Nach der Fertigstellung 2006 empfängt statt grauen Betons eine lichtdurchflutete Glasfassade die Gäste. Haupteingang, Großer Saal, Foyers, Seegalerie und Vorplatz wurden neu gestaltet und das Haus zum See geöffnet. Rund die Hälfte des Sanierungsbudgets von 40 Millionen Euro floss in die Technik des Hauses. Es ist nun das größte und modernste Veranstaltungszentrum zwischen München und Zürich.

Das von Wilhelm Braun entworfene Festspielhaus vor dem Umbau.