Lycée Tani Malandi, Mayotte (FR)

Eine Schule in Mayotte zu bauen heißt, sich mit vielen Fragen auf mehreren Ebenen ganz anders als hier in Europa auseinanderzusetzen – im pädagogischen, aber auch im sozioökonomischen und ökologischen Bereich. Die kleine Komoreninsel Mayotte nördlich von Madagaskar gehört zu Frankreich und ist auch Teil der EU. Von den ca. 180.000 Einwohnern ist mehr als die Hälfte jünger als 20 Jahre. Vor dem Hintergrund des starken Bevölkerungswachstums und dadurch steigenden Schülerzahlen muss das veraltete provisorische Mehrzweckgymnasium durch neue Gebäude ersetzt werden. Die Architektur soll den Anforderungen und Zielen einer staatlichen Schule entsprechen, aber auch die spezifischen Bedürfnisse der jungen Mahoraner berücksichtigen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen brauchen einen Rahmen, der ihre Bildung und Berufsausbildung fördert, aber auch mit ihrer kulturellen Tradition und vertrauten Umgebung verbunden ist.
Wir haben uns dafür entschieden, das Know-how österreichischer und französischer Architekten und unserer lokalen Partner in Mayotte für den Neubau des Lycée Tani Malandi zu vereinen. Das Team Dietrich | Untertrifaller Architectes, Fabienne Bulle Architecte et Associes und Endemik Mayotte hat den Wettbewerb 2020 gewonnen. Das Großprojekt mit Platz für über 2.000 SchülerInnen umfasst neben den Unterrichtsräumen auch Sportanlagen, ein Schulrestaurant mit Küche und ein Internat. Die fließende Verbindung der verschiedenen Funktionen schafft einen inspirierenden Raum zum Arbeiten, Essen, Schlafen und Entspannen.

 

Video Tani Malandi

 

Urbaner Kontext

An der Nationalstraße am Stadtrand gelegen, bildet die Schule den Startschuss für die weitere Erschließung des Gebietes in Richtung der südlichen Nachbarstadt und rund um den neuen Handelsknotenpunkt. Als Vorposten dieser Urbanisierung teilt die Schule ihre Sportanlagen mit den Bewohnern der Stadt.

Dichtes Raumprogramm

Die einzelnen Funktionen der Schule sind auf mehrere Häuser unterschiedlicher Größe aufgeteilt, die fast parallel zueinander und der Höhe nach gestaffelt auf dem flachen Hügel angeordnet sind. Unten an der Hauptstraße liegt das größte und höchste Gebäude mit dem Haupteingang, der Berufsschule, der Verwaltung und einem Mehrzwecksaal. Von der Grundstücksgrenze zurückgesetzt, schafft der großvolumige Quader Raum für Parkplätze und schirmt die Schule vor dem Verkehr der stark befahrenen Nationalstraße ab. Dahinter folgt ein kleines Haus mit Bibliothek und Freizeiteinrichtungen. Die Unterrichtsräume befinden sich in drei langgezogenen, leicht geknickten Bauten. Zuletzt folgen das Internat und ein kleines Personalwohnhaus, die von der ruhigen Waldrandlage profitieren. Auf der Ostseite, leicht abgerückt vom Ensemble, formt die kompakte Turnhalle einen weiteren Puffer gegen den Verkehrsknotenpunkt.
Eine lange Nord-Süd-Galerie verbindet alle Einheiten vom Eingang bis zum Internat und erleichtert die Bewegungsabläufe. Sie bildet das Rückgrat, auf das die einzelnen Elemente aufgepfropft sind – eine funktionale Erschließung, aber auch ein Ort des sozialen Austausches und der Geselligkeit.
Gehwege, Höfe, Holzterrassen, Stufen und Rampen schaffen fließende, überdachte und schattige Außenbereiche, in denen sich die Schülerinnen und Schüler ungehindert bewegen und aufhalten können.

Lokale Materialien mit Bezug zur Kultur

Lehm, Holz, Bambus, Basalt – diese hier allgegenwärtigen natürlichen Materialien betonen die enge Beziehung zwischen der Schule und ihrer Umgebung, zwischen Natur und Architektur. Bambusfassaden erinnern an die geflochtenen Zäune der Mahoran-Häuser. Weit auskragende Dächer und lange Laubengänge vor den Klassenräumen sind inspiriert von den Veranden traditioneller Wohnhäuser. Die mit Kalkputz bedeckten Giebel der Turnhalle und des Schulgebäudes verweisen auf den Namen des Gymnasiums: “Tani Malandi” heißt der weiße Lehm aus den umliegenden Höhlen, der bei Hochzeiten oder rituellen Zeremonien zum Schminken verwendet wird.

Auftraggeber: Ministère de l’Éducation Nationale, de l’Enseignement Supérieur, de la Recherche et de l’Innovation, Vice Rectorat de Mayotte
Standort: Chirongui, Mayotte
Architektur: Dietrich | Untertrifaller Architectes mit Fabienne Bulle Architecte et Associés und Endemik Mayotte
Projektleitung: Laure Finck
Wettbewerb: 2020
Bauzeit: 2021-2025
Fläche: 23.300 m²
Kapazität: 2.056 Schüler, Sportanlagen, Schulrestaurant mit Küche, Internat

Partner
Statik, Haustechnik, Elektro, Kosten: Ingerop Conseil et Ingenierie, Villeneuve-Loubet / Bauphysik: Le Sommer Environnement, Paris / Landschaft: Uni Vert Durable, Piton Saint-Leu, Réunion / Akustik: Aida Acoustique, Paris / OPC, Kosten Baustelle: Socetem Mayotte, Mamoudzou / BIM Manager: Atelier Juno / Küche: Corail Ingénierie  /// Video: Asylum / Visualisierung: Jeudi Wang