Views: “The Real Social Network”

Unsere Welt verändert sich zusehends. Klima- und Mobilitätswandel, Pandemie, Digitalisierung, die Wiederentdeckung der Individualität und die Bedeutung der urbanen Gesundheit wecken unsere Sehnsucht nach einer Stadt mit mehr Lebensqualität und einem menschlicheren Maßstab. Bei der Bewältigung dieser Herausforderungen kann Design eine wichtige Rolle spielen.
Aber wie stellen wir uns diese Zukunft vor? Wie wollen wir leben? Was können wir tun, um unsere Städte vor einer unwirtlichen Zukunft zu bewahren? Die gute Nachricht ist, wir sind gar nicht so weit von einer möglichen Lösung entfernt.

Bild: Quartier Kleineschholz, Freiburg

Herausforderungen für eine lebenswerte Zukunft

Der Begriff des sozialen Netzwerks wird heute vermeintlich als digitale Analogie zu unserem realen Leben strapaziert. Unser soziales Netzwerk ist in Wirklichkeit aber viel mehr und bei weitem nicht auf die Kommunikation im Internet beschränkt. Im Gegensatz zum digitalen Netzwerk und trotz verblüffender Ähnlichkeit brauchen unsere realen sozialen Netzwerke aber dringend eine Wiederbelebung. Das Leben der Menschen findet zwischen und innerhalb der gebauten Umwelt statt und schafft wichtige Nebeneffekte wie soziale Sicherheit und vielfältige Kommunikation.

Nun bemüht sich die Industrie, virtuelle Netzwerke aufzubauen, die unseren menschlichen Anforderungen entsprechen, die unsere Bedürfnisse erfüllen und die uns Menschen zufriedenstellen, während sie gleichzeitig versucht, dieses Konstrukt wirtschaftlich verwertbar zu machen. Die physische Umgebung lassen sie dabei außer Acht. Aber warum? Können wir diese Analogie zwischen dem virtuellen und dem realen, physischen sozialen Netzwerk nicht positiv nutzen? Können wir damit nicht die Art und Weise, wie wir miteinander leben und umgehen, verändern?

Angestrebt wird dabei aber nicht eine Gegenbewegung zur Digitalisierung; vielmehr geht es darum, die positiven Aspekte des Virtuellen zu nutzen um sie auf unser soziales reales Leben zurück zu übertragen. Denn wenn das physische soziale Netzwerk gut funktioniert, wenn beispielsweise das Schaffen von etwas Neuem, das Interdisziplinäre, das Ganzheitliche, eine Dienstleistung, geistiges Eigentum und technische Fähigkeiten als wichtig anerkannt werden, dann wird auch die Leistung des Einzelnen wieder wertgeschätzt. Durch die Anerkennung seiner Mitmenschen findet jeder seinen Platz in der Gesellschaft. Das steigert die Zufriedenheit und ermöglicht sozial gesunde Städte.

Die preisgekrönte Wohnanlage in der Wiesen Süd, Wien (Foto: © Bruno Klomfar)

Die Qualitäten der idealen Stadt

Überschaubare Nachbarschaften im Quartier Metzgergrün, Freistadt

Wir werden feststellen, dass diese Qualitäten nicht weit von dem entfernt sind, was wir bereits kennen – die Ideale der traditionellen europäischen Stadt, der traditionellen arabischen Stadt und vieler mehr. Diese Vorbilder lassen sich auf abstrakte Netzwerke sozialer Interaktion und auf Räume unterschiedlicher Privatheit übertragen.

Diese Ideale können sowohl bei Neubauten als auch bei der Umstrukturierung bestehender Stadtlandschaften umgesetzt werden. Wenn wir unsere Städte, unsere Quartiere und unsere Straßen zu nachhaltigeren, inklusiveren und gesünderen Orten umgestalten und gleichzeitig die Kultur, das Erbe und die Schönheit, die bereits vorhanden sind, wertschätzen, können wir damit erfolgreich sein.

Die Herausforderung und gleichzeitig das Potenzial der Zukunft liegen in der richtigen Verknüpfung von technischer Innovation, von Ästhetik und architektonischer Qualität und von Respekt gegenüber dem Individuum. Mit den Errungenschaften der Gegenwart, der intelligenten Vernetzung von Personen und Dingen und der Digitalisierung des Planens und Bauens sind wir für die lebenswerte Zukunft gerüstet.

 

 

Patrick Stremler © Dietrich | Untertrifaller